Der Europäische Rechnungshof (ERH) sieht die Recyclingbranche in Europa trotz hoher Recyclingquoten unter wachsendem wirtschaftlichem Druck. In seinem aktuellen Bericht stellt er fest, dass unfaire Wettbewerbsbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit von Rezyklaten gegenüber primären Rohstoffen schwächen. Steigende Betriebskosten, geringe Nachfrage nach Recyclingprodukten und der Preisdruck durch minderwertige Kunststoffimporte aus Drittstaaten gefährden damit auch die Umwelt- und Kreislaufwirtschaftsziele der Europäischen Union.

Österreich zählt gemeinsam mit Slowenien und Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Recyclingquoten von Siedlungsabfällen. Mehr als 60 Prozent der Abfälle aus Haushalten, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen werden hierzulande recycelt.1 Dennoch geraten auch hochspezialisierte Recyclinganlagen zunehmend unter wirtschaftlichen Druck, was laut Rechnungshof die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Recyclingbranche in Europa infrage stellt.
Wettbewerbsdruck auf die Recyclingbranche
Der Rechnungshof beschreibt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Recyclingbranche als schwierig. Steigende Betriebskosten, hohe Energiepreise und volatile Rohstoffmärkte treffen auf eine geringe Nachfrage nach Recyclingprodukten. Dadurch bleiben Rezyklate gegenüber Neuware preislich im Nachteil, was ihre Wettbewerbsfähigkeit einschränkt.
Zusätzlich verstärkt der Preisdruck durch minderwertige Kunststoffimporte aus Drittstaaten die Situation. Diese Produkte gelangen zu deutlich niedrigeren Preisen auf den europäischen Markt und verschärfen den Wettbewerb zulasten europäischer Recyclingbetriebe. Hochwertige Sekundärrohstoffe finden dadurch nur begrenzt Absatz.
Auch in Österreich zeigt sich, dass hohe Recyclingquoten allein keine wirtschaftliche Stabilität garantieren. Sinkende Erlöse und fehlende Absatzmärkte gefährden Investitionen und die Auslastung bestehender Kapazitäten, obwohl moderne Anlagen und Technologien vorhanden sind.
Ein Schengenraum für Rezyklate
Um die Recyclingbranche zu stärken, empfiehlt der Europäische Rechnungshof, die Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich rentabler zu machen. Ein zentraler Ansatz ist der Abbau bestehender Marktfragmentierungen innerhalb der Europäischen Union. Der Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) spricht sich in diesem Zusammenhang für einen europaweiten Binnenmarkt für Rezyklate aus.
Derzeit verhindern bürokratische Hürden einen freien Warenverkehr von Sekundärrohstoffen. Abfälle werden vielfach nicht als wertvolle Ressource eingestuft und unterliegen umfangreichen regulatorischen Beschränkungen. Dadurch entstehen keine stabilen Absatzmärkte für hochwertige Recyclingmaterialien.
Der Rechnungshof betont, dass faire Wettbewerbsbedingungen eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft sind. Ohne rechtliche Gleichstellung von Rezyklaten mit primären Rohstoffen bleibt das wirtschaftliche Potenzial der Recyclingbranche begrenzt.
Einbruch der Kunststoffrecyclingindustrie
Besonders deutlich zeigen sich die Probleme in der europäischen Kunststoffrecyclingindustrie. Fragmentierte Märkte, hohe Energiekosten, volatile Preise für Neuplastik und unlauterer Wettbewerb aus Drittländern führten 2025 zum stärksten Einbruch der Branche seit Beginn der Aufzeichnungen.
Europa verzeichnete einen Netto-Rückgang der Recyclingkapazitäten um rund eine Million Tonnen.2 Die mangelnde Nachfrage nach zurückgewonnenen Materialien stellt Recyclingunternehmen vor erhebliche wirtschaftliche Herausforderungen und gefährdet Investitionen.
Die von der EU-Kommission geplanten Maßnahmen zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und des Kunststoffrecyclings reichen aus Sicht des VOEB nicht aus, um faire Wettbewerbsbedingungen sicherzustellen.3 Gefordert werden verbindliche Vorgaben zur Beschaffung und zum Einsatz von Recyclingrohstoffen.
Große nationale Unterschiede
Der Bericht des Europäischen Rechnungshofs zeigt zudem erhebliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten. Während Österreich die Recyclingziele für Siedlungsabfälle für 2025 bereits 2022 übererfüllt hat4, liegen zahlreiche Länder deutlich hinter den Vorgaben zurück, insbesondere bei der Deponierungsquote.
In Staaten wie Griechenland oder Rumänien wird ein Großteil des Siedlungsabfalls weiterhin deponiert. In Rumänien werden rund 85 Prozent der Abfälle nicht verwertet. Der Rechnungshof empfiehlt der EU-Kommission daher, bestehende Überwachungs- und Durchsetzungsinstrumente konsequenter zu nutzen.
In Österreich tragen unter anderem das Deponieverbot für unbehandelte Siedlungsabfälle sowie die Bedeutung der Abfallverbrennung zur Zielerreichung bei. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass nationale Erfolge allein nicht ausreichen, um die Recyclingbranche in Europa langfristig wettbewerbsfähig zu halten.
Über den VOEB
Der Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) ist die freiwillige Interessensvertretung der kommerziell geführten Abfall- und Ressourcenwirtschaftsunternehmen in Österreich. Der Verband vertritt derzeit über 260 Mitgliedsunternehmen und repräsentiert somit zwei Drittel – gemessen am Umsatz bzw. an den Beschäftigten – der privaten österreichischen Abfallwirtschaftsbetriebe. Insgesamt beschäftigt die Abfallbranche in ihren 3.300 privaten und kommunalen Betrieben mehr als 31.000 Mitarbeiter:innen. Die Unternehmen der Abfall- und Ressourcenbranche sammeln, sortieren und verwerten jährlich 74 Mio. Tonnen Abfall und erwirtschaften dabei Umsätze in der Größenordnung von 9 Mrd. Euro pro Jahr.
- Österreich, EU-Abfallrecyclingziele für 2025 ↩︎
- FEAD: The new EU Circular Economy Package fails to support the European plastic recycling industry ↩︎
- EU-Kommission: Neues Maßnahmenpaket zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und zur Stärkung des europäischen Kunststoffrecyclings ↩︎
- Europäische Umweltagentur: EU Early Warning Report ↩︎